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...Krisenzeiten...

Eigentlich sollte diese Woche ganz easy werden...Montag Sonderurlaub, weil ich einen wichtigen Arzttermin mit meinem Sohn in Mainz hatte. Dienstag frei... Mittwoch 4 Stunden Unterricht, 2 davon Klausur... heute 2 Stunden .. na ja... keine Ahnung, warum sie die restliche Stunde verlegt haben, .. soll mir auch recht sein... und morgen außerschulische Sportveranstaltung...  eigentlich eine gute Voraussetzung für nicht allzuviel Stress...

Die Realität sieht anders aus...
Gestern Abend lagen die Nerven blank... meine Engelsgeduld war an eine schmerzhafte Grenze gestoßen... Emotionalität pur... Erstaunlich, dass ich da irgendwie noch ohne Tränen raus gekommen bin, aber nur knapp.  20 Minuten vor Stundenende habe ich meine unterrichtlichen Aktivitäten eingestellt. Eigentlich weiß ich gar nicht genau warum... war nur der ganz normale alltägliche Wahnsinn... nicht viel schlimmer als sonst.... Unaufmerksame Schüler, .. ständiges Reinquatschen, .. fehlende Mitarbeit... (Wo waren wir noch mal?) ... gegenseitige Beschimpfungen, Erniedrigungen... dummes Gelaber in Kombination mit Ignoranz und Überheblichkeit... und nervige Verhandlungen, man wolle doch 5 Minuten eher gehen... der Bus.....  Ich war's auf einmal soooooo leid...
"Machen Sie, was sie wollen... " war mein Angebot, ...völlig ernst gemeint.... "das hier muss ich nicht machen, ... das ist nicht meine Aufgabe..... Machen Sie irgendwas oder gehen Sie nach Hause.... Ist mir völlig egal... Aber ich mache das hier nicht mehr mit... "
Ja, ... so oder so ähnlich stand meine Aussage im Raum... und dann war erst mal Ruhe im Karton...
16 verschreckte Jugendliche saßen da wie 'n Kaninchen, wenn's donnert und machten plötzlich .... gar nichts mehr....  außer mich anzustarren, wie ich mit meinen Gefühlen kämpfte...  und ich kämpfte...  Leider bin ich nicht sehr gut darin, mich zu verstellen...

Wir retteten uns mit der ein oder anderen Frage über die Runden, die nichts mit dem Thema zu tun hatte und die ich bereitwillig beantwortete, ansonsten warteten wir, bis die Stunde rum war. Niemand verließ den Raum, niemand wagte es, nach einem früheren Stundenende zu fragen, niemand benahm sich daneben... Zwischendurch leises Getuschel, was man denn nun machen solle...  nicht viel ... außer eben... die Situation auszuhalten...  Bei Stundenende stellten alle ihre Stühle auf die Tische, versammelten sich vor der Tür, um zu warten, dass ich ihnen erlaubte, zu gehen... Und ein verstohlenes... "Schönen Tag noch... ",  ernst gemeint, wissend, dass es jetzt nicht so ganz einfach war...  schlichen sie sich davon, ... bis auf 3 ... die warteten... bis ich die Tür abgeschlossen hatte...

"Schon manchmal ein harter Job... " sagte Katrin... und ich nickte...  "Ja, schön, aber auch manchmal verdammt hart..." und wir redeten darüber, wie es eben im Moment ist in der Klasse, ... die Veränderungen seit den Ferien... negative, destruktive Veränderungen... und dass es eben unverständlich ist für mich, .. eigentlich eine kleine Lerngruppe... einzeln betrachtet nette Leute...  wissen, worauf es ankommt, in der Oberstufe... und die Prüfung ist nicht mehr weit entfernt... also... warum so wenig Motivation? Eigentlich mögen sie mich ... und ich sie auch... sonst könnte ich damit wahrscheinlich auch besser umgehen... 
Verrückt... traurig...  demütigend...

Die Betroffenheit war nicht zu übersehen... weder meine noch ihre... und das Thema war auch nicht neu für sie... andere Lehrer haben das auch schon angesprochen. Aber wie umgehen mit sich selbst, mit anderen... wem die Verantwortung zuschieben?

Heute haben sie Kriegsrat gehalten... die Kollegin kam zu mir und fragte, was da denn gestern vorgefallen sei...  Sie hätten sie um Zeit gebeten, um mit der Klasse zu sprechen... Man darf gespannt sein, was dabei herausgekommen ist ... und wie lange es denn anhält...  

E-Mail-Kommunikation

26.9.:

Hallo zusammen,

ich muss doch jetzt einmal ausprobieren, ob die Kontaktaufnahme über E-Mail funktioniert und wer denn mal so in seine E-Mails hineinschaut ; ))  Deshalb, ..
wenn Sie das lesen, dann antworten Sie bitte kurz auf diese E-Mail.("Hat geklappt" reicht schon als Antwort. Es darf aber auch mehr sein)

(versendet an 13 SchülerInnen)

26.9.:

This message was created automatically by mail delivery software.

A message that you sent could not be delivered to one or more of
its recipients. The following addresses failed:

 

Hallo  Fr. XXXXXX,

ihre e-mail ist gut bei mir angekommen,dankeschön.

 

Hallo Frau XXXXXX, hat geklappt und ich werde mich jetzt da anmelden und mal vorbeischauen  

27.9.:

hallo,

Hat geklappt ....

 

29.9.: 

Hat geklappt

 

PS:
Die Klassenarbeit bestätigt übrigens die Wortkargheit meiner Schüler ....  bei einigen sind die Antworten deutlich kürzer als die Fragestellungen...  hm....

PPS:
Ich komme immer mehr zu der Erkenntnis, dass ich mir keine Gedanken darüber machen muss, dass meine Schüler meinen Blog finden könnten..

Gruppenkuscheln : D

Nun hat die Woche doch noch ihren erfreulichen Abschluss gefunden..
Heute Sportveranstaltung... der ganzen Schule...  Außentermin..

Das Wetter spielte zunächst super mit, locker bewölkt mit vertretbaren Temperaturen...  Die Stimmung war gut, die Organisation auch... Meine Klasse zeigte einen engen Zusammenhalt, nur zwei Einzelpärchen setzten sich ab, die anderen blieben zusammen... und hatten ihren Spaß. Kein Stress, kein Streit, viel Lachen ... einfach nett.  Auch unser "Außenseiter" wurde geduldet, hielt auch den Anschluss, hat sich damit wohl auch ganz gut gefühlt, ... machte jedenfalls den Eindruck.

Dann schlug das Wetter um und es fing an zu regnen... fies.. nicht besonders stark aber andauernd und unangenehm. Das hatte den Vorteil, dass das Programm ordentlich gestrafft wurde und wir nicht mehr so lange warten mussten. Um die Stimmung zu halten, wurde die Musik lauter gedreht... "Wann kommt die Sonne?"...  und meine Leutchen erwiesen sich als sehr feierfreudig... Im Pulk zusammengequetscht unter einem Baum bzw dem einzigen Schirm kam da echt Partystimmung auf... "Ich will auch Gruppenkuscheln", sagte Axel.. und schob alle noch ein bisschen mehr zusammen...

.. wow... 

Robert

Robert ist aggressiv .. ein echtes Pulverfass...
Er begegnet mir auf dem Weg in die Pause und ich höre ihn sagen: Dem würd ich am liebsten die Nase brechen...
Ich weiß nicht, ob er mich bemerkt hat, .. ob er weiß, dass ich es gehört habe...
Gemeint ist ein Mitschüler... ein krasser Außenseiter... Ich sage nicht gern, dass jemand dumm ist, aber es würde schon den Kern des Problems treffen... er ist wirklich dumm... Ich frage ihn, was herauskommt, wenn man 180 durch 10 teilt und er muss lange überlegen, um dann doch die falsche Lösung zu sagen... Das geht über mein Vorstellungsvermögen...

ER ist ein rotes Tuch für Robert...  Der hasst ihn..  gegenseitige Provokationen,  keiner will nachgeben...
Wir haben Sorge, dass es zur Eskalation kommt, .. dass das mit ner blutigen Nase enden könnte...
Gespräche... mündliche Zusagen.. ungutes Gefühl in der Magengegend...  dennoch... weitere Schutzmaßnahmen wären nicht das richtige Signal... würden das Problem nur hinauszögern...

Am nächsten Tag Krisengepräche beim Maßnahmeträger... Beratung, Abmahnung... Bei Wiederholung solcher Aktionen kann eine Kündigung erfolgen.. Robert ist einsichtig, bemerkenswert ruhig...  er weiß, worum es geht, was von ihm verlangt wird.. er will die Maßnahme weitermachen.. oder vielleicht doch nicht? Er muss die Maßnahme weitermachen, sonst geht er in den Knast... Auflage des Richters.. , er will nicht ins Gefängnis, aber eigentlich will er auch nicht in die Schule kommen... Das merkt man... 

Die nächste Woche: Er kommt, geht nach einer Viertelstunde auf die Toilette und bleibt für den Rest des Tages verschollen...

Wieder Gespräche, .. Entgegenkommen... , Erklärungen..

Noch eine Woche später...
Er ist da und er verschwindet nicht direkt...  Ich beginne mit dem Unterricht.. von Beteiligung kann man nicht sprechen, aber er verhält sich ruhiger. Sein Freund ruft mich heran... Robert geht es nicht gut, er hat seine Medikamente vergessen. Er muss sie holen, sonst kriegt er echt ein Problem... Der Arzt hätte gesagt, er müsse sie regelmäßig nehmen.
Hm.. so krank sieht er nicht aus... aber das kann ich nun wirklich nicht beurteilen..  Wir diskutieren ein bisschen.. mehr mit dem Freund...  der will ihn begleiten... in dem Zustand kann er nicht alleine gehen.. Nein, das halte ich nicht für gut, .. an den anderen Tagen haben sie auch zusammen gefehlt..  Das gefährdet den Freund, .. der könnte es vermeintlich schaffen...)
Ich komme mir vor wie ein Verräter, wenn ich so denke. Warum meine ich, jetzt schon abschätzen zu können, wer es schafft und wer nicht? Aber ich fühle mich relativ sicher in dieser Funktion.

Robert wird es nicht schaffen... ich meine, er könnte schon, ... intellektuell.. er ist nicht schlecht... aber er wird es nicht schaffen, .. weil er es nicht ausreichend will.. bzw. weil sein Stolz größer ist als sein Ehrgeiz. Ehe er in irgendeiner Weise zurückstehen muss, Kompromisse eingehen, Ursachen diskutieren... Fehler eingestehen... vorher schmeißt er wieder alles hin... wie immer... wenn er nicht weiter kommt.. sich selbst im Weg steht,., er verweigert und vermeidet... ein Jammer...
Ich lasse ihn also tatsächlich gehen, um seine Medikament zu holen und er kommt sogar wieder, .. wie versprochen... mit Medikamenten.. geheimnisvoll öffnet er die kleine Dose und weiße Tabletten kommen zum Vorschein... Seine Hand zittert... ich schaue ihm in die Pupillen... keine Ahnung, welche Gedanken hinter dieser Fassade reifen..

Der nachfolgende Kollege berichtet mir später: Robert hätte erneut den mp3-Player laufen lassen, kein bisschen mitgearbeitet... erneut provoziert...
Nein, er hielte ihn nicht für ausbildungsfähig...  "Der braucht eine ganz andere Betreuung", so hätte er es auch der Sozialpädagogin gesagt...  Ja.. Es wird kommen wie es kommen muss... Er wird es nicht schaffen.... nicht, weil er es nicht kann, .. sondern weil man ihn nicht lässt,... weil er sich nicht lässt,... verrückt...

Bei Gericht..

Nun.. es ist mein freier Tag und Orhan, mein Wiederholer aus dem letzten Jahr, hat einen Gerichtstermin. Was also liegt näher als da einfach mal hinzugehen?

Ich war noch nie bei einer Gerichtsverhandlung, ... da hat man nur die Phantasien im Kopf, die sich aus einschlägigen TV-Sendungen entwickeln... großer Saal... schwarze Roben... Die Zuschauer im Hintergrund...  Mischt man sich unerlaubterweise ein, wird man rausgeschmissen... öh... des Saales verwiesen... Es war also schon ein bisschen komisch, als ich die schwere Holztür des altehrwürdigen Gerichtsgebäudes aufschob. Erst mal gucken... Ich wusste den Termin, dummerweise aber nicht Uhrzeit und Ort. Aber irgendwo musste man da ja was rausfinden können...

Vor mir eine Schlange wartender Personen... Sie sahen alle aus, als wüssten sie genau, wo sie hinwollten. Vor ihnen eine selbstschließende Glastür mit einem Lichtsignal, das gerade auf "rot" stand, daneben eine Tür mit einem Einbahnstraßenschild (von der verbotenen Seite). So einfach war das offensichtlich gar nicht mit dem Herausfinden.
Ein offziell aussehender Mann kam aus der verbotenen Tür... Den quatsch ich jetzt mal an..
Gedacht ... getan..  Der gute Mann führte mich bereitwillig in die Gewohnheiten bei Gericht ein.... zunächst mal durch die Personenkontrolle.., dann rechts, Raum 27, da würde man mir sagen können, wann mein Schüler dran ist und in welchem Raum verhandelt wird. Und die Verhandlungssäle seinen im 2. OG... Notfalls würde ich den richtigen Ort auch selbst finden, da entsprechende Listen an den Türen hingen.

Nun stand ich also vor dem entsprechenden Raum... in einer Viertelstunde würde die Verhandlung beginnen...
"Hallo Frau Z." kam es von hinten ... Orhan mit seinem Freund und Mitangeklagten. Er war doch tatsächlich noch vorher in der Schule und hatte sich ordnungsgemäß abgemeldet... (so viel Gewissenhaftigkeit habe ich ihm gar nicht zugetraut, .. zumal er mich ja vorher informiert hatte...)
Es irritierte mich irgendwie, dass er allein gekommen war... ohne Mutter/Vater/Familie, ohne Anwalt, ohne zuständigen Mitarbeiter von Jugendamt, Jugendgerichtshilfe...
Er ist 19, .. also kein Grund nur in Begleitung zu erscheinen, aber irgendwie verwirrte es mich. Kurz vor der Zeit erschien dann immerhin noch ein Mitarbeiter der AWO, der für seinen Freund zuständig war. Orhans Ansprechpartner fehlte einfach, niemand wusste, warum er nicht da war oder ob er noch kommen würde.

Der Gerichtssaal war klein... nicht größer als unser Wohnzimmer... Vor Kopf der Richtertisch, ... besetzt mit 2 Damen, die wohl irgendwo zwischen 30 und 40 anzusiedeln waren. Die Richterin machte einen wirklich freundlichen, bemühten Eindrück, wirkte sehr interessiert. Auf der einen Seite ein Tisch, an dem sich die beiden Angeklagten niederließen, gegenüber ein Tisch für Staatsanwalt und den Herrn von der AWO. Und an der verbleibenden Seite stand eine Bank... für die Zuschauer.. als da war: ich... In der Mitte gab es noch einen kleinen Tisch, vermutlich für Zeugen... , aber davon gab es keine.

Nach Aufnahme/Bestätigung der Personalien verlas der Staatsanwalt die Anklage. Es wurde direkt für beide Angeklagten  verhandelt. Sie hatten auf einem Parkplatz ein fremdes Auto beschädigt und dann Fahrerflucht begangen. Der Freund war gefahren, Orhan war Beifahrer. Dummerweise haben sie der Polizei erzählt, dass sie den Unfall nicht bemerkt hätten, es gab aber Zeugen, die angeben konnten, dass beide ausgestiegen sind, um den Schaden zu gegutachten und anschließend sind sie weggefahren. Orhan hatte in sofern ein größeres Problem, als dass er bereits vorher schon einmal eine Falschaussage bei der Polizei gemacht hatte, weswegen er Sozialstunden ableisten musste. Sein Freund war noch unvorbelastet.

Nach einer halben Stunde stand das Urteil fest... ein halbes Jahr Führerscheinentzug und 30 Sozialstunden für den Freund und für Orhan 60 Sozialstunden, wegen der "einschlägigen Vorbelastung". Ob sie das Urteil annehmen würden?... Ja, das würden sie... und damit war die Verhandlung geschlossen...   Ich hörte sie lachen beim Rausgehen... Fraglich, ob das ganze Spektakel wirklich irgendeinen Eindruck hinterlassen konnte..  Eher nicht... würde ich sagen... und offensichtlich interessiert es ja auch niemanden...