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Zitat

An diesem verhangenen, regnerischen Novembermorgen... schleichen sich Gefühle von Trauer, Abschied, Aufgabe .. in meine Gedanken ..

Und dann läuft mir dieses Zitat über den Weg... 

 

Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.
Hermann Hesse

 

Ich liebe... 

...ganz besonders schwierige Fälle..

Ich greife 'mal diese Formulierung von shekaina auf, .. passt gerade so gut...

Also zum Thema: "schwierige Fälle"...

Marcel ist ein solcher schwieriger Fall...
Er hat bereits die erste Abmahnung bekommen, ..wegen unentschuldigter Fehlzeiten, die er locker aufgrund seiner Volljährigkeit hätte selbst entschuldigen können, .. was er allerdings nicht getan hat...
Und bei der Konferenz kam dann heraus, dass er die Schule eigentlich nicht mehr besuchen möchte, .. ist ja auch okay. Er wolle lieber arbeiten oder eine Ausbildung machen. Nun ja... er hat einen Hauptschulabschluss..., was nicht besonders viel ist, aber generell ist es ein Basisabschluss.

Die Sozialpädagogin hat mit ihm eine Bewerbung geschrieben, die er aber nicht abgeschickt hat. Ich habe ihm einen Praktikumsplatz besorgt, bei dem er sich nicht vereinbarungsgemäß vorgestellt hat, sein Vater hat ihn mit auf den Bau genommen, wo er nach 2 Tagen die Nase voll hatte. 
Dann saß er bei uns im Büro der Sozialpädagogin und wir haben versucht herauszufinden, was denn für ihn in Frage käme. Hm.. er suche halt einen netten, kuscheligen Ausbildungsplatz, der nicht zu viel Stress bringen würde...  Oooooha
Er sei doch ein kräftiger junger Mann, da könne er doch ordentlich anpacken...
Neeee, dann hätte er direkt wieder Rückenprobleme.... 
Wie es denn mit Maler/Lackierer sei... ?
Oh ja, Autolackierer... das wäre schon was...
Und so allgemein... Joa... vielleicht...  Aber nur, wenn er nicht auf die Leiter muss... das könne er nicht... 
Hmm, das wäre aber wohl notwendig...  
Na dann wäre das doch eher nichts... 

Nun... irgendwie finden wir trotz heftiger Bemühungen nichts, was ihn vom Hocker reißen kann...   

Ich fasse noch mal zusammen.. nett und kuschelig, .. nicht zu anstrengend... nicht zu stressig... er möchte versorgt werden, ohne wirklich etwas tun zu müssen..
Ja...
Ob der Vater das denn wohl weiter so mitmachen würde? ..
Wohl nicht...
Und die Freundin.. ?  Ob die damit zufrieden wäre, wenn er nur bei ihr "rumhängen" würde? Immerhin macht sie eine Ausbildung... 
Na ja, das wäre ihm schon unangenehm...

Ich beginne zu provozieren..
Also, da würde mir eigentlich nur eines einfallen...
Das, was er wolle, gäbe es nur im Knast... Da wäre zwar das Essen nicht so gut, aber generell sei man versorgt.
"Da müsse er aber auch arbeiten",  kontert er und nimmt es gar nicht so abwegig auf, wie ich angenommen hätte...
Nein, da müsse er nicht arbeiten, da DÜRFE er arbeiten...
Ich mache ihm klar, dass Arbeit ein Privileg im Knast ist und dass es eine Möglichkeit eröffne, sich "etwas leisten zu können". Wir kommen über das Thema Knast ins Gespräch.. er hat da doch schon erste Erfahrungen gesammelt...  und bei Betrachtung aller Vor- und Nachteile kann er sich doch dazu durchringen, dass es nicht sein erklärtes Ziel ist.. Obwohl... eine ganz abwegige Alternative war das wohl nicht, allerdings zieht das Argument, dass er dann nicht mit seiner Freundin zusammen sein könne. Für sie hat er sogar das Rauchen aufgegeben und sie bietet ihm Zuflucht, wenn sein Vater ihn vor die Tür setzt.
Nach diesem Gespräch ging er erst mal nach Hause mit dem Auftrag, sich etwas zu überlegen. Wir gaben ihm noch Adressen aus einem Förderprogramm mit, die wir jedoch nicht vorab kontaktiert hatten,.. schließlich könnten wir nicht  Dinge anleiern, die er dann doch nicht annehmen würde, .. damit würden wir unsere Vertrauenswürdigkeit verlieren.
Hm.. Ende offen...

Heute kam er dann zum abgesprochenen Termin... und er hatte bei 2 der Adressen vorgesprochen... ohne Erfolg... aber immerhin..  Zweiradmechaniker interessierte ihn... , aber die bräuchten gerade niemanden. Nun,.. die Sozialpädagogin hatte schon weitere Adressen mit ihm 'rausgesucht, als ich dazu kam.
"Wie stellen Sie sich denn da vor, wenn Sie dorthin gehen?" frage ich ihn und wir simulieren ein solches Gespräch.

"Guten Tag... ich möchte ein Praktikum bei Ihnen machen" nuschelt er sich in seinen nicht vorhandenen Bart und die Augen flackern unruhig hin und her.
"Wir nehmen keine Praktikanten" antworte ich ...
"Hm.. ja, danke... auf Wiedersehen.." .... Ende des Gesprächs...
Tja.. so wird es schwer etwas zu finden...
Also... mit welcher Strategie kann man da doch vielleicht noch etwas rausholen?
Wir üben noch 5 - 6 mal.... sich vorstellen... klarmachen, worum es geht.. dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, ... dass es auch zu einem späteren Zeitpunkt ginge..., dass er kein Geld haben wolle, nur eine Chance... , dass es möglicherweise auch Hilfen vom Arbeitsamt gibt... und dass es Kontaktpersonen gibt, die noch mehr dazu sagen können....
Dass es ihm sehr wichtig ist... und dass er sein Bestes geben wolle...
Und dass es auch auf eine vertrauenserweckende Körpersprache ankomme..  Blickkontakt halten, deutlich sprechen, das Gepräch nicht so schnell verloren geben... noch einmal nachhaken...
Vor dem Spiegel üben...  oder vor der Freundin... *gg*...
Die erste Möglichkeit sagt ihm mehr zu...

Damit zieht er also wieder vondannen... neuer Termin am Freitag...

Projektfrust

Alle Jahre wieder... arbeiten wir uns durch die Projektwoche...  mit immer wieder den gleichen Problemen, den gleichen Schülerreaktionen und den gleichen Verantwortlichkeiten... und diesmal geht es mir ein bisschen zu weit.

Bei insgesamt 12 Lehrern, die in dieser Klasse unterrichten, haben sich in diesem Jahr immerhin 5 Kollegen bereitgefunden, sich aktiv an der Planung und Umsetzung von 2 Themenbereichen zu beteiligen.
Eine Gruppe bestehend aus der Kollegin, mit der ich das immer zusammen plane und einem weiteren Kollegen im Schwerpunkt Pflege, eine zweite Gruppe mit 2 Kolleginnen im Bereich Pädagogik. Die Klasse ist entsprechend in 2 Gruppen unterteilt. Wir haben 2 nebeneinanderliegende Räume, wodurch nicht immer in jeder Gruppe ein Lehrer anwesend sein muss.
Nun, irgendwie lief die Gruppeneinteilung in diesem Jahr nicht besonders glücklich, .. ich weiß auch nicht, warum man bei 18 Schülern unbedingt 2 gleichgroße Gruppen bilden muss..  Auf jeden Fall scheinen 2 Leute dem Ganzen nicht wirklich zuzustimmen, da sie einfach nicht kommen, obwohl sie schon langfristig ihr Interesse an unserem Thema angemeldet haben, nun aber doch in der anderen Gruppe gelandet sind. Die verbleibenden 6 Leute arbeiten sich tapfer durch einen Berg von ausgedrucktem Papier, dessen Inhalte in mühevoller Schreibarbeit wieder in den PC gebracht werden. Meine Frage nach dem Sinngehalt dieses Vorgehens beantwortete die Schülerin mit der Aussage, dass man ja schließlich auch etwas zu tun haben müsse... Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Die verantwortlichen Kolleginnen sind 2 bzw. 4 Stunden in der Woche anwesend und schauen sonst mal in der Pause vorbei, ansonsten sind meist andere Fachlehrer anwesend.

Aus unserer Gruppe ist jeden Tag einer der verantwortlichen Kollegen anwesend, über mindestens 4 Stunden am Tag.. , das geht natürlich nicht nur im regulären Stundenkontingent.
Es geht um Selbsterfahrungen, um Umsetzung von Förderangeboten, darum, die Inhalte auch mal auf andere Art und Weise anzugehen... mit Spaß und Aktion, miteinander .., nach eigenen Vorstellungen... auf einer anderen Ebene. Das gelingt nicht immer reibungslos und nicht immer effektiv und vor allem nicht immer ruhig und geordnet und auch nicht so, dass jeder Schüler zu jeder Zeit zielgerichtet arbeitet.
Und dann kommt so eine Kollegin, die im Übrigen im Fach Nahrungszubereitung durchaus etwas Geeignetes im Thema hätte anbieten oder umsetzen können.. und beschwert sich darüber, dass sie niemand informiert hätte, was denn die Schüler machen sollen (die wissen das eigentlich selbst.. ) und dass da eine Gruppe gar nichts macht und dass man mit dieser Zeit etwas sinnvolleres hätte anfangen können... und irgendeiner kommt daher und schimpft, dass die mal mit dem Rollstuhl auf dem Gang fahren und dabei nicht ganz leise sind...und das Lachen doch den Unterricht stört, dabei haben wir uns schon in den hinterletzten Winkel verzogen... Wuoooo... da kann ich doch wirklich sauer werden..  Darf denn so etwas keinen Spaß machen... und darf man dabei nicht auch mal ausgelassen sein?
Und am Ende... wenn man später betrachtet, welche Inhalte denn langfristig in den Köpfen bleiben, wieder abrufbar sind... dann kommt man doch zu der Einsicht, dass sich diese Projekte lohnen..., selbst wenn 50% der Zeit nicht zielgerichtet genutzt werden... mal ganz abgesehen davon, dass es das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrkräften auf eine sehr positive Art beeinflusst wird, dass da auch mal Zeiten für Randgespräche sind, dass man Hintergründe erfährt und auch Hilfestellungen anbieten kann.
Im Nachhinein sind dann wieder alle glücklich,.. aber Hauptsache, es wird erst mal gemeckert... grrrr...

Tag 3...

des Praktikums...

Eine Krankmeldung, ein Anruf: "Darf ich mir 'was Neues suchen?"
Ein Anruf des betreuenden Lehrers: "Da gibt's Probleme,... sie möchte ihn eigentlich gar nicht mehr haben, aber morgen kommt noch ein anderer Verantwortlicher, da will sie abwarten, was der sagt"

Ich glaube, es wird Zeit, dass ich Besuchstermine vereinbare... 

Szenenwechsel... Projekt... 

Erfreuliche Zwischenbilanz...heute Besuch der vorbildenden Schulen.. 
Es sind schon viele Dinge fertig, die auch gut angekommen sind.. Die Schüler haben sich darin geübt, ihre Klasse und ihre Arbeit zu präsentieren... das hat richtig gut geklappt...
Wie erwartet, fällt das Urteil der Kollegen nun deutlich milder aus...

Orgastress auf allen Kanälen... Hab vor einer Woche einen Unterrichtsgang für morgen beantragt, über den noch nicht entschieden wurde, ... super, dann werden wir morgen sehen, ob es klappt. So viel Flexibilität ist doch wirklich extrem hilfreich..
Zum Glück klappen wenigstens die Absprachen auf dem "kleinen Dienstweg"...
Seien wir optimistisch... und bereiten wir uns vorsorglich auch auf alle anderen Möglichkeiten vor...