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Von guten Seelen und existentiellen Fragen...

Eine der (wenigen) positiven Begleiterscheinungen der Agenda 2010 ist, dass wir an der Schule zusätzliche Hilfskräfte haben, aus dem Topf der 1-Euro-Jobber. Leute, die sonst niemals eingestellt worden wären, weil sie einfach viel zu teuer wären, und deren Arbeit zwar sehr hilfreich, aber eben nicht unbedingt erforderlich ist. So haben wir bereits tolle Mitarbeiter im Sekretariat gehabt, die mal lästige Kopierarbeiten oder das Eintüten von Briefen übernommen haben, und auch Hilfskräfte für den Hausmeister, so dass reklamierte Schäden auch in naher Zukunft behoben werden konnten.

In diesem Schuljahr haben wir Frau Sonnenschein. Der Name ist frei erfunden, hat aber ganz viel mit der Person zu tun. Sie ist zuständig für die Ordnung rund ums Haus, denn 2500 Schüler machen eine Menge Müll und es ist gar nicht so leicht, dem Herr (bzw Frau) zu werden. Es gibt einen Ordnungsdienst, jeweils zu Beginn der 5. Stunde, der abwechselnd von allen Klassen ein- bis zweimal im Jahr geleistet werden muss, und der darin besteht, die leichtfertig ausgestreuten Verpackungsmittel wieder einzusammeln und in die dafür aufgestellten Behältnisse zu befördern. Da in der Vergangenheit weder Klassen noch Lehrer sehr gewissenhaft mit  diesem Dienst umgegangen sind, holt nun Frau Sonnenschein die gerade zuständigen Klassen ab und leitet sie bei den notwendigen Arbeiten an. Ihre weitere Arbeitszeit füllt sie mit Arbeiten im Schulgarten, Pflege der Zimmerpflanzen im Schulgebäude sowie akut notwendigen Reinigungs- und Aufräumarbeiten.

Freiwillig und nebenbei übernimmt sie aber auch Funktionen eines Kummerkastens... , findet immer ein freundliches Wort für Schüler und Lehrer, verbreitet einfach gute Stimmung und ist jederzeit für ein Pläuschchen zu haben. 
So hat es auch nicht lange gedauert, bis wir die ersten tiefergehenden Gespräche geführt haben. Ihre Lebenseinstellung ist bemerkenswert und sie ist sehr interessiert an allerlei Theorien, die sich mit der menschlichen Entwicklung beschäftigen. So erzählte sie mir von einem alternativ denkenden Zellbiologen und Verhaltensforscher, Dr. Bruce Lipton, der allerlei neue Sichtweisen publiziert. Grundaussage: Unser Erbmaterial hat doch nicht die zentrale Bedeutung, die ihm in den letzten 50 Jahren zugedacht wurde... und... was ich sehr spannend finde... es findet schon vor der Befruchtung eine (vom jeweiligen Menschen mit beeinflusste) Auswahl von Genen statt. Jeder trifft sozusagen individuell eine Auswahl darüber, welcher Teil (der väterliche oder mütterliche) zur Vererbung kommt. Zentrales Steuerelement ist dabei die die Zellmembran und die Form, in der sie auf Außeneinflüsse reagiert. Sie, als die Hauptkontaktstelle zwischen Organismus und Umwelt, bildet, vielmehr noch als das Gehirn, das  zentrale Element unseres Verhaltens.

Nun, das nur als kurzer Abriss.... Die gute Frau hat mir über die Ferien 2 Videos und ein Buch über diese Theorien ausgeliehen und ich bin wirklich sehr fasziniert davon.
Eine weitere Grundaussage, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht:

Seit dem Moment, seitdem man glaubte, weitgehend durch seine Gene bestimmt zu sein, seitdem die Diskussion, ob der Mensch mehr durch Vererbung oder mehr durch Erziehung bestimmt wird, doch gefährlich nach in die Richtung Vererbung geschoben wurde, seitdem entwickelt sich zunehmend eine Art Verantwortungslosigkeit... "Ich bin halt so, das sind meine Gene".. mit dem fatalen Trugschluss, dem nun nicht mehr zielgerichtet entgegenwirken zu können... müssen...  Eine zentrale Frage, meiner Ansicht nach. Eine zentrale Frage insbesondere bei allem, was die Zukunft betrifft. Wie viel an meinem Schicksal ist Vorbestimmung oder selbst verantwortet... vielleicht sogar selbst gewollt? Interessante Beispiele, die er dazu bringt...

...I cha di gärn...

.... ganz besondere Momente des Lebens....

Da sitze ich hier mit den wohl teuersten Weihnachtskeksen, die ich je probieren durfte ... ; ))
und höre dieses Lied....




merzi vielmals

groggy

Oha, .. heute also die Konferenz... Die Vorfälle während der Klassenfahrt... man erinnere sich... oder lese nach...

Zuerst kommt das Mädchen rein, in Begleitung ihrer Mutter...
"Nein, ... da sei gar nichts gewesen.. " allseitiges Erstaunen...
Wir fragen nach, lassen erzählen, schieben noch Informationen nach, die wir inzwischen von anderer Seite erfahren haben. Sie wackelt...
"Und überhaupt... seit wann sei denn auf Klassenfahrten Alkohol erlaubt?" geht die Mutter in den Gegenangriff über. Sie habe getrunken, ... cool... eine ganze Flasche Sekt.... , ja, ... sie sei betrunken gewesen... (es war gerade mal 20 Uhr... und sie war nicht erkennbar betrunken...). Die Sache zieht sich, ... wird immer unerfreulicher... die Mutter scheint nicht wirklich im Bilde zu sein. Schließlich verweisen wir auf die Aussage der Jungen. Einige Details können wir nur wissen, weil sie kein Blatt vor den Mund genommen haben. Und warum sollten sie so etwas zugeben, wenn da gar nicht gewesen wäre? Und allmählich merkt sie, dass ihr keiner mehr glaubt.
"Und was ist mit dieser SMS?" will die Mutter wissen, "warum weiß ich davon nichts?"... Die Spannung im Raum wird langsam unerträgich... "Ich will jetzt wissen, was wirklich war, ... jetzt..." lässt die Mutter keinen Zweifel mehr aufkommen. Und dann gibt sie zu, ... ähnlich wie damals.., erst, als alle "Fluchtwege" versperrt erscheinen...  Das macht keinen guten Eindruck. Der Kollege fasst es in die richtigen Worte. "Egal, was da vorgefallen ist und was man davon halten mag, ich hätte hier und heute etwas anderes erwartet.., dass Sie zu Ihren Fehlern stehen... "... ja, das wäre wohl allen Beteiligten lieber gewesen.
Als die Tür hinter ihr zu geht, hört man das Weinen, .. Die Anspannung, die sich ihren Weg sucht...

Dann kommt der Junge mit seiner Mutter an die Reihe.. hoppla, jetzt komm ich... Das Kaugummi wird direkt moniert... und der Bequemlichkeit halber direkt runtergeschluckt... die Mütze wird später dran kommen...
Er fühlt sich sicher... schließlich war er als einziger Beteiligter in der Zwischenzeit bei der Schulleitung und hat gut Wetter gemacht. Hat seine positive Entwicklung in die Waagschale geworfen... ja, die hat er wirklich hingelegt... und die gute Praktikumsbewertung... auch die kann ich nur bestätigen. Und sein sportliches Engagement... das alles sei gefährdet, wenn er die Schule verlassen müsse... ja, .. schon klar... vielleicht hätte er daran mal früher denken sollen?
Er schnoddert sich mehr schlecht als recht durch die erste Gesprächsphase... Nein, die andere Schule käme nicht in Frage, dann würde er sich lieber abmelden. (Will der hier Bedingungen stellen?) Der Rüffel bzgl. seines Verhaltens... und überhaupt, warum müsse er hier mit einer Mütze sitzen?.. tut Wirkung und er bequemt sich tatsächlich, die Mütze abzuziehen und sich noch mal zusammenzurappeln.
Die Schulleitung ist gnädig... unter bestimmten Bedingungen... als letzte Chance... und man würde ihn genauestens im Blick behalten,... evtl. eine Umschulung in eine Parallelklasse, mit etwas anderen Fächern, .. die müsse er natürlich nacharbeiten.. und die gestellten Auflagen erfüllen..

Alles kein Thema, .. wenn er nur nicht die Schule verlassen müsse,... er würde ja alles machen... und so ist es also beschlossene Sache, .. durchaus umstritten... lange diskutiert, nicht alle sind glücklich mit dieser Lösung.. und ich frage mich seit Stunden, ob denn die positiven oder die negativen Seiten dieser Entscheidung überwiegen. Ganz ehrlich... ich weiß es nicht.. Es bleibt einfach ein bitterer Beigeschmack, so sehr ich es ihm auch gönnen würde,... wenn ich sicher wäre, dass er daraus nicht einen persönlichen Erfolg macht, der den eigentlichen Lernefffekt der ganzen Sache ins Gegenteil umkehren könnte...
Man darf gespannt sein, ob er seine allerletzte Chance tatsächlich zu nutzen weiß.

groggy ... Fortsetzung

Tja... es kam, wie es kommen musste...
Wenn einer gehen muss und der andere darf bleiben, wenn auch in einer anderen Klasse, dann kommt Unmut auf und das Gefühl, benachteiligt zu werden. Das kann ich durchaus nachvollziehen.
Jetzt bearbeitet der Vater des Jungen mich, ihm doch zu helfen, dass der eigene Sohn auch auf der Schule bleiben darf. Die Chance darauf, das durchzusetzen, haben sie versäumt, indem sie nicht zur Konferenz erschienen sind. Der Vater, weil er arbeiten musste und seinen Dienst nicht verlegen konnte, und der Sohn, weil er alleine Schiss hatte zu kommen, um es mal deutlich zu sagen. Aber nun ist das Kind eben in den Brunnen gefallen und da holen wir es wohl auch kaum mehr raus.. so hoffe ich es wenigstens. Denn ich halte es nicht für sinnvoll, dass er bleiben darf und schon gar nicht, nachdem wir einmal anders beschlossen haben. Und wir haben ihm eine Alternative verschafft, .. die er allerdings nicht annehmen möchte, und die auch der Vater ablehnt, weil die Schule eben keinen guten Ruf hat. Immerhin könnte er dort seinen Abschluss machen... und ich bin davon überzeugt, dass er dort sogar besser abschneiden würde, weil die Klassen kleiner sind und die Betreuung besser ist...  Ich denke wirklich, dass es eine gute Lösung ist, und habe ihm nahegelegt, es wenigstens dort zu probieren, sich selbst ein Bild zu machen. ... Aber... Das will er gar nicht hören...

Und der andere..., der nun in einer Parallelklasse weitermachen  darf, ... wegen der "guten Prognose".. und seiner Überredungskünste...  der schreibt gestern die Mathearbeit nach, die er nicht mitschreiben konnte, weil er suspendiert war und die es mir erleichtert, eine gerechte Halbjahresnote zu geben... und... beantwortet gerade mal 2 von 10 Aufgaben...
Das ist klasse, oder? ... Ich liebe so etwas... Ich würde ihn am liebesten an die Wand klatschen .... oder schlimmeres... das will ich hier auch gar nicht näher ausführen... Aber glaubt mir... in meiner Phantasie bin ich zu einigem fähig... und einiges davon wäre wohl sehr viel gerechter, wenn auch nicht ganz legal... aber sehr viel besser für mein Bauchgefühl... und wahrscheinlich würde er es auch besser verstehen... aber ich werde mich wohl darauf beschränken, davon zu träumen ... und mir meinen Frust hier weg zu bloggen... Und ich glaube, im nächsten Jahr muss ich nicht auf Klassenfahrt gehen.. 

Ach ja... kam gestern die Rechnung für den zusammengetretenen Ascher der von uns besuchten Jugendbildungsstätte... War natürlich auch keiner... Sachen gibts...